Früher war mehr November

Als Kind habe ich den November gehasst. Der meist noch entspannt warme Oktober mit seinen Kastanien und bunten Blättern wurde abgelöst von Wind, Regen und Nebel. Die Tage wurden nochmal deutlich kürzer und damit kam noch mehr Dunkelheit. Hinzu kamen die heiser krächzenden Krähen, die auf der großen Wiese hinter unserem Haus landeten und dort ihr Winterquartier bezogen. Das war die Zeit, in der weniger Menschen auf die Straßen gingen und die Spaziergänge mit dem Hund deutlich kürzer wurden, weil es einfach so ungemütlich war. Ich zog mich zurück ins Warme, schrieb Tagebuch, hörte Musik und träumte vor mich hin. Und wartete ungeduldig auf die Adventszeit, die mir Woche für Woche Weihnachten näher brachte.

 

Als Erwachsene

Heute wohne ich in der Großstadt Berlin, wo es nachts kaum noch dunkel wird. Die Krähen sind das ganze Jahr über um mich herum und haben ihre Novemberbotschaft verloren. Im Gegensatz zu früher haben wir ein niemals endendes Film- und Nachrichten- und Unterhaltungsangebot. In den Straßen wird es kaum ruhiger, und dieses Jahr war auch noch der Sommer so lang, dass wir bis Ende Oktober fast sommerliche Temperaturen hatten.

“Früher war mehr November”, ging mir vor ein paar Tagen durch den Kopf.

Ich merke auf einmal, wie sehr mir die Novemberstimmung fehlt, die ich als Kind so gehasst habe. Das langsamer Werden, das weniger aktiv sein, der Rückzug ins Innere und die Ruhe. Es liegt heute viel mehr an mir, dafür zu sorgen, dass ich zur Ruhe komme. Die Jahreszeiten sind nicht mehr so bestimmend, wie es einmal in meiner Kindheit war (und davor noch viel mehr!).

 

Innere Verbindung zum November

In meinen Lebensumständen (und denen vieler anderer Menschen) ist immer so viel los, was mich vorantreibt, dass ich bewusst daran denken muss, dass Aktivität nur ein Teil des Lebens ist. Dass das Loslassen von Plänen und Aufgaben genau so wichtig ist, wie das neu anfangen und dranbleiben.

Und ich denke mit Schrecken daran, dass in vier Wochen schon die längste Nacht des Jahres sein wird und dass danach das Licht wieder mehr werden wird, auch wenn wir es nicht gleich merken.

Das Spannende ist, dass es mir schon hilft, mich innerlich mit der Energie der Jahreszeit zu verbinden, die gerade ansteht. Der Wechsel der Jahreszeiten zeigt mir täglich, welche Qualität ich nicht vergessen darf, einfach nur dadurch, dass ich mit offenen Augen und offenem Herz unterwegs bin.

 

Foto: © Silke Maschinger

 

Wenn Du es eilig hast...
Von den Bäumen das Loslassen lernen
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Silke Maschinger
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